Spielplan

Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)
Komödie von Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield
Achtung: Premierenverschiebung vom 20.01. auf den 21.01.12
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Um SHAKESPEARES SÄMTLICHE WERKE aufzuführen, bräuchte man je nach Inszenierung zwischen 120 und 150 Stunden. Rund zwei Stunden dauert hingegen die Fassung, welche die Amerikaner Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield aus sämtlichen Tragödien, Komödien und Königsdramen des Großmeisters der englischen Dramatik erarbeitet haben: SHAKESPEARES SÄMTLICHE WERKE (LEICHT GEKÜRZT). Nicht eine einzige Komödie oder Tragödie, nicht ein Königsdrama wird ausgelassen, immerhin 37 abendfüllende Stücke mit insgesamt 1834 Rollen. Als Zugabe gibt’s noch 154 Sonette. Gespielt von drei Schauspielern, könnte man noch ergänzen. Denn nur drei Darsteller spielen sich durch die Hauptrollen sämtlicher Stücke von ROMEO UND JULIA bis HAMLET.
Seit der Uraufführung 1987 in Edinburg ist dieses Stück in England Kult. Es hat seinen Eroberungszug über die Bühnen der ganzen Welt angetreten und ist spätestens seit seiner deutschsprachigen Erstaufführung 1997 in Essen aus den deutschen Theatern nicht mehr wegzudenken.
Der Spaß besteht nicht nur darin, wie die drei Darsteller virtuos von einer Figur in die nächste springen. Es ist auch äußerst amüsant, die großen, bedeutungsschweren Sätze Shakespeares in einem anderen Zusammenhang zu hören und zu erleben, mit welcher Unverfrorenheit die großen Stoffe in heutige Alltäglichkeiten übersetzt werden. Von »Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage« ist es nur ein kurzer Weg zu »Hast du zur Nacht gebetet, Desdemona?«, bevor man bemerkt: »Es war die Nachtigall und nicht die Lerche«. Diese humorvolle Hommage an den großen Dramatiker bietet die Chance, Theaterfreunde und Theatermuffel zu einer großen friedlichen Fangemeinde der rasanten Schauspielkunst zu vereinen.

Alle Vorstellungen beginnen um 20.00 Uhr.
Ausnahme: 19.02.2012, 15 Uhr.


Pressestimmen

Fränkische Nachrichten


Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt): Nils Brück inszenierte die politisch unkorrekte Version der Komödien, Tragödien und Historien fürs Komödienhaus

Zwei Stunden kalauernd durch 37 Werke
Von unserem Redaktionsmitglied Jürgen Strein

»William Shakespeare: Dramatiker, Dichter, Schauspieler, Philosoph; ein Mann dessen schöpferisches und literarisches Genie Bewusstsein und Kultur der gesamten zivilisierten Welt grenzenlos und von Grund auf beeinflusst hat. Und doch: Wir, die wir im Zwanzigsten Jahrhundert zu Hause sind, wieviel kennen wir von dem gewaltigen Komplex des Werks?«

Also, mal sehen, wenn uns Jon so direkt fragt: Jedes Jahr bei irgendeinem Festival den »Sommernachtstraum«, und neulich im Stadttheater »Romeo und Julia« und zweimal »Hamlet« (davon einmal als Hamlet-PROJEKT). Ach ja: »Macbeth« als Film von Polanski. Und dann wird es schon eng. »Titus Andronicus«: nie gesehen. Die vielen Heinriche: kaum davon gehört. »Die beiden edlen Vettern«: ???

37 Werke, geschätzt reichlich 1800 Schauspieler, die 150 Stunden Blankvers sprechen. Das ist für einen Normal-Theatergänger nicht zu bewältigen. Oder etwa doch? Zum Beispiel mit Hilfe des bereits erwähnten Jon sowie von Peter und Chris in der Version »Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)«, nämlich auf starke zwei Stunden. Am Samstag hetzten die drei - in Gestalt von Oliver Firit, Gabriel Kemmether und Tobias D. Weber - im Komödienhaus des Heilbronner Theaters durch Komödien, Tragödien und Historien von William Shakespeare und ließen dabei keinen Kalauer und keine Geschmacklosigkeit aus, die sich gerade am Wegrand anboten.

Das Premierenpublikum beklatschte die drei ausdauernd - und auch ein bisschen sich selbst, denn in der leicht gekürzten Version des »Hamlet« aus der leicht gekürzten Version von Shakespeares sämtlichen Werken spielen die Zuschauer - alle - eine nicht gerade wichtige Nebenrolle als Ophelias Über-Ich. Während Ophelia selbst in dieser Siegmund-Freud-Version mit »Sonja« aus dem Publikum (Vorsicht also, die Damen, bei Kartenbuchungen in den ersten Reihen) und ihr »Ich« mit einem namenlos gebliebenen Zuschauer (Vorsicht, die Herren, bei Buchungen von Randplätzen) besetzt war.

Die etwas altertümliche Schlegel/Tieck-Übersetzung (»Du willst mich doch nicht morden? Hülfe! Hülfe«) kann nicht unter den Teppich kehren, dass Shakespeare ordinär, anzüglich, politisch unkorrekt ist und sich außerdem ständig mit seinen Zuschauern anlegt - wenn Jon, Chris und Peter sich seiner Werke annehmen.

Hinter den dreien verbargen sich ursprünglich Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield, die sich Anfang der 80-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit Shakespeare-Straßentheater ihr Studium finanzierten und 1985 die RSC gründeten - nicht die "Royal", sondern die »Reduced Shakespeare Company«.

1981 in San Francisco hatte das Trio erstmals eine gekürzte Version von »Romeo und Julia« auf die Straße gebracht, bald darauf folgte »Hamlet«. Da sich die vorgesehene Schauspielerin den Fuß brach, musste kurzerhand Adam Long alle weiblichen Rollen übernehmen - dabei blieb es dann auch: Wie im elisabethanischen Theater werden auch in der leicht gekürzten Shakespeare-Version alle Frauenrollen von Männern, richtiger: von einem einzigen Mann gespielt.

Um einen ganzen Theaterabend an einer feststehenden Bühne zu präsentieren, bedurfte es jedoch noch 20 weiterer Minuten Spielzeit - die aus der leicht gekürzten Zusammenfassung der 35 anderen Werke Shakespeares gewonnen wurden.

Die 16 Komödien zum Beispiel, die Shakespeare größtenteils bei antiken Autoren geklaut hat und die alle nicht halb so komisch sind, wie die Tragödien, fassen Chris, Peter und Jon zu einer einzigen mit dem Titel »Viel Lärmen um die Zähmung der zwei Lustigen Herren aus Venedig wie euch alles gut gefällt was ihr Maß für Leid und Lust wollt Sturm Irrungen Sommernachtsmärchen« zusammen. Und seine zehn Historien gehen als Fußballmatch zwischen den Anhängern der Roten Rose (rotes Trikot!) und der Weißen Rose (weißes Trikot!) mit vielen derben Fouls und einer Krone als Ball über die Bühne.

Also die Tragödien (ein Leseprojekt mit allen 154 Sonetten scheiterte kurzfristig): »Romeo und Julia« gibt es in einer Langfassung der gekürzten Version, »Titus Andronicus« als blutige Kochshow, »Othello« als Rap, »Macbeth« in der Version mit schottischem Dialekt, der bekanntlich an alle Wörter ein »mac« anhängt und »Troilus und Cressida« als Ausdruckstanz.

Beinahe hätten die drei »Hamlet« vergessen - ihm ist dann der ganze zweite Teil des schrägen Abends gewidmet. Daran beteiligt sich, wie erwähnt, das gesamte Publikum, außerdem - um nur einige Höhepunkte zu nennen - haben Statler und Waldorf einen Kurzauftritt, Hamlet singt mit Yorricks Schädel »Summertime« und König Claudius vertreibt einen Zuschauer, der sich auf den für den König von Dänemark reservierten Pllatz gesetzt hatte.

Weil am Ende noch ein bisschen Zeit übrig bleibt, spielen die drei eine stark gekürzte Fassung der leicht gekürten Fassung, danach noch eine stark gekürzte Fassung der stark gekürzten Fassung und ganz zum Schluss noch eine Rückwärts-Fassung: »Dänemarks Staate im faul ist etwas.« - Der Rest ist Schweigen.

Nein, der Rest ist Beifall: Für die drei wunderbaren Komödianten Kemether, Weber und Firit, die mühelos den Übergang vom Blankvers zum Rap, vom jugendlichen Helden zum finsteren Schurken und durch unzählige Kostümwechsel in Sekundenschnelle sich selbst schafften. Für Regisseur Nils Brück, der das Straßentheater-Feeling des Stücks auf der Bühne des Komödienhauses konservierte und Ausstatter Martin Fischer, der die Schauspieler in Strumpf- und Pluderhosen steckte und ein marodes Abbild von Shakespeares Globe baute.

Heilbronner Stimme

Erledigt mit einem Fallrückzieher
Von unserer Redakteurin Claudia Ihlefeld

Heilbronn - In der Kürze liegt die Würze. Oder lieber: Gut Ding braucht Weile? Es kommt auf die Zubereitung an. Da sich Shakespeares Dramen bei aller Vielfalt doch ähnlich sind und das englische Theatergenie selbst ein Meister war beim Destillieren von Traditionen und fremden Stoffen, bietet sich Folgendes an: Drei Schauspieler führen an einem Abend alle 37 Stücke Shakespeares auf und geben nebenbei seine 154 Sonette zum Besten.

Mit »Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)« haben die Amerikaner Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield eine Kurzfassung geschrieben, die seit ihrer Uraufführung beim Edinburgh Fringe Festival 1986 zum Klassiker aller Klassiker-Shortversions wurde. Ein hintersinniger Spaß, der mit seiner deutschsprachigen Erstaufführung 1997 am Schauspiel Essen auch bei uns zum Kult avancierte. Als zweieinhalb-Stunden-Klamauk feierte das Shakespeare-Medley am Samstag Premiere im Komödienhaus.

Wie bereits bei dem Longseller William Shakespeare nicht immer klar ist, ob jeder Satz von ihm stammt, nehmen sich auch Oliver Firit, Gabriel Kemmether und Tobias D. Weber die anarchische Freiheit, die Verse des Sprachvirtuosen aus Stratford-upon-Avon zu zerhackstücken und frech zu ergänzen. Mit viel Lust am Improvisieren.

Rampensau

Vor allem Tobias D. Weber trumpft auf als souveräne Rampensau in Monty-Python-Manier. Seine Mischung aus Distanz und Ironie kippt nicht ins Läppische.

»Othello« als Rap, »Titus Andronicus« ? der Vorläufer eines Theaters der Grausamkeit ? im Kochstudio samt Seitenwürstle als Damenfinger und Fingerfood, »Macbeth« als schottische Gothic Novel mit viel Bühnennebel: Nils Brück, der den Parforceritt in Heilbronn inszeniert hat, hält sich überwiegend an die erfolgreiche Vorlage, die Gags am laufenden Meter liefert.

Bevor Shakespeares Komödien, die nicht halb so lustig sind wie seine Tragödien, zu einer zusammengefasst und die Königsdramen als Fußballspiel gegeben werden, Richard III. durch einen Fallrückzieher Heinrich V. aus dem Verkehr zieht und Julius Cäsar von Brutus gemeuchelt wird, belehrt uns ein Ansager. Der klärt auch auf, was zu tun ist im Fall eines Druckabfalls im Zuschauerraum.

Köpfe rollen

»Halten Sie die Maske einfach vor Mund und Nase und atmen Sie normal weiter«, rät Peter (Kemmether) und bittet Jon (Weber), die Zuschauer in Leben und Werk des Genies einzuführen. Mit Chris (Firit), der Wesentliches in Shakespeares Biografie durcheinanderbringt, ist das Trio komplett.

Vor der Kulisse eines stilisierten Globe Theaters (Ausstattung: Martin Fischer) geht es mit »Romeo und Julia« dann los, der Liebestragödie samt geilen Mönch Lorenzo. Die drei schlüpfen in alle erdenklichen Rollen, wechseln Kostüme, Stimmungen und Perspektive, Köpfe rollen, Perücken werden herunter gezerrt. Wie zu Shakespeares Zeiten übernehmen die Jungs in Pluderhosen auch die weiblichen Parts und binden sich Gummi-Hängebrüste um. Da reitet sich Firits Julia auf der Brüstung einer Loge die Lust vom Leib bis zum erlösenden Orgasmus. Was die älteren Herren im Parkett sehr amüsiert. Deftig geht es weiter: der Griff in den Schritt als Reflex des elisabethanischen Zeitalters.

Nach der Pause gerät »Hamlet« zur Prunksitzung mit Publikumsbeteiligung, bei der Ophelia (ein Theatergast) den bühnenwirksamen Aufschrei probt. Immer schneller, vor- und rückwärts wird das Schicksal des zaudernden Dänenprinzen gespielt, bis fast alle durch Gift oder Degen enden. »Der Rest ist Schweigen« ? und munterer Applaus.

Regie
Nils Brück
Ausstattung
Martin Fischer
Mit
Oliver Firit
Gabriel Kemmether
Tobias D. Weber


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