Unterwerfung

Schauspiel nach Michel Houellebecq

Frankreich 2022. Der Literaturwissenschaftler François, Professor für Literatur des 19. Jahrhunderts, lehrt ohne großen Ehrgeiz an der Pariser Universität Sorbonne. Er verträgt unglaublich viel Alkohol und schläft mit seinen Studentinnen. Am liebsten vertieft er sich in die Werke des dekadenten Schriftsteller Huysmans, den er als einzigen Gefährten betrachtet. »Politisch wie ein Handtuch«, registriert François eher unbeeindruckt, wie aus den jüngsten Wahlen der Front National als stärkste Kraft und eine ganz neue Bewegung, die Bruderschaft der Muslime, als zweitstärkste Partei hervorgehen. Die Wahlkämpfe vor den Stichwahlen werden von Ausschreitungen begleitet. Doch François meint wie die meisten Intellektuellen: Es kommt, wie es kommen muss. Durch die Unterstützung der Sozialisten, der Christdemokraten und der Republikaner, die den Sieg des Front National verhindern wollen, wird schließlich die Muslimbruderschaft die stärkste Partei und ihr charismatischer Spitzenkandidat Ben Abbes, ein gemäßigter Moslem und sehr geschickter Politiker, französischer Staatspräsident. Ein politisches Erdbeben.
Doch die gesellschaftlichen Veränderungen vollziehen sich eher langsam und lautlos: die Kriminalitätsrate sinkt, Frauen tragen keine Röcke mehr, die Polygamie wird erlaubt, die Arbeitslosenquote wird niedriger, weil Frauen zu Hause bleiben. Die Sorbonne ist nun eine Islamische Universität, und ihr Präsident wird Robert Rediger. Bis vor kurzem war er Vertreter der rechts-nationalistischen identitären Bewegung, die Muslime heftig bekämpft hat. Jetzt ist er Vorkämpfer für die Islamisierung Frankreichs. Rediger sieht das christliche Abendland dem Untergang geweiht und traut nur einer starken, patriarchalen Religion wie dem Islam zu, die Gesellschaft zusammenzuhalten.
Frauen und nichtislamische Lehrkräfte müssen die Uni verlassen. Eigentlich, so denkt François, geht von den Intellektuellen doch gar keine Gefahr für die neue Ordnung aus. Doch die Saudis »glaubten so sehr an die Macht der intellektuellen Elite, dass es beinahe rührend war.«

Houllebecq stellt mit »Unterwerfung« ein faszinierendes Gedankenexperiment zur Diskussion. Der Text schürt keine Ängste vor dem Islam, sondern nimmt vielmehr unter völligem Verzicht auf politische Korrektheit die westliche Gesellschaft unter die Lupe, deren Auflösungserscheinungen uns heute auf diffuse Weise beunruhigen. Und er formuliert die Frage nach der Verantwortung der Intellektuellen, die nicht in der Lage zu sein scheinen, federführend einen gesellschaftlichen Diskurs zu stiften, geschweige denn Utopien zu entwickeln.


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