Le chant des ruines

Compagnie Michèle Noiret (B)
Deutsche Erstaufführung

»Le Chant des ruines« ist eine Anleitung zum Überleben durch Tanz. Die Brüsseler Choreografin Michèle Noiret entführt ihre fünf charismatischen Tänzerinnen und Tänzer in eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Der Abend, 2019 entstanden, nimmt auf fast unheimliche Weise vorweg, was wir gegenwärtig erleben. Er zeigt eine Gesellschaft in rasantem Wandel, in der alte Gewissheiten nicht mehr gelten, in der es immer schwieriger wird, sich zurechtzufinden, und man den Eindruck hat, dass einem alles durch die Finger rinnt. Die fünf Individuen versuchen sich in einer Katastrophenlandschaft zu orientieren und sich gegenseitig Halt zu geben. Das »Lied der Ruinen«, so die Übersetzung des französischen Titels, ist der Weg zur Überwindung des Chaos, durchaus mit den Mitteln des Humors und der Selbstironie.

Auch rein ästhetisch ist die Choreografie ein großes Erlebnis. Michèle verbindet Tanz, Theater und Kino zu einem einzigartigen großen Kunstwerk. Ihre Tänzerinnen und Tänzer sind von einer beeindruckenden Bühnenpräsenz. Die Einfachheit des Bühnenraumes setzt ein Höchstmaß an Kreativität des tänzerischen Ausdrucks frei. Denn Freude und Schönheit, so sagt es die Choreografin sinngemäß, sind auch Formen des Widerstandes gegen die Krisen unserer Zeit.

Mit diesem Stück setzt die Brüsseler Choreografin Michèle Noiret ihre beeindruckende Karriere fort. Sie hat mehr als 30 Stücke choreografiert, darunter Auftragswerke für das Ballett der Pariser Oper, das Ballet de Nancy und das Ballet National de Marseille, von denen jedes einzelne einen Zugang zu einer wundersamen poetischen, aber auch verstörenden Welt bietet.

Michèle Noiret wurde in Brüssel geboren und studierte an der von Maurice Béjart gegründeten Mudra-Schule in Brüssel Tanz und Choreografie. Eine enge Zusammenarbeit verband sie über mehr als 15 Jahre mit dem Komponisten Karlheinz Stockhausen, dessen Notensystem sie in Körpersprache übersetzte. 1986 gründete sie ihre eigene Kompanie in Brüssel. Kennzeichnend für ihre Arbeit ist die Verbindung von bildender und darstellender Kunst mit Tanz und Cinema zu einer intelligenten, opulenten Inszenierung. Von 2006 bis 2017 war sie Associate Artist am Nationaltheater Wallonie-Bruxelles.

Valérie Colin | L’Echo | Januar 2020

Überleben in der Ära der flüssigen Moderne. Le Chant des ruines ist ein kinematografischchoreografisches Gedicht, das fünf Künstler zusammenbringt, die von der Instabilität der Welt erschüttert sind. (...) In extremer Vergrößerung und mit mehreren Blickwinkeln wechselt das Bild ständig die Perspektive und dringt bis in die kleinsten Nischen vor, die für das bloße Auge unsichtbar sind.