Die Affäre Rue de Lourcine

Komödie von Eugène Labiche

Monsieur Leglumé hat am Vorabend Kopfschmerzen vorgetäuscht und sich angeblich früh in sein Schlafzimmer zurückgezogen. In Wirklichkeit war er auf einem Ehemaligentreffen seiner Schule und hat es da ordentlich krachen lassen. Jetzt wacht er zu Hause auf – mit einem heftigen Kater und großen Erinnerungslücken. Wie ist er nur in sein Bett gekommen? Und warum hat er seine Hose noch an? Und vor allem, wer schnarcht da neben ihm wie ein Bär? Hat er etwa jemanden abgeschleppt? Das darf seine Frau Norine auf keinen Fall erfahren! Er ist erst recht erschrocken, als er sieht, wer sich da in seinen Laken wälzt. Es ist Mistingue, sein früherer Mitschüler, den er schon damals nicht leiden konnte. Ein Streber. »Ich war ab dem Heilbutt sternhagelvoll«, sagt Mistingue. »Mich hat’s erst beim Salat erwischt«, gesteht Leglumé. Merkwürdig sind auch die Obstkerne in den Hosentaschen beider Herren, das blonde Haarteil auf dem Fußboden, die völlig verdreckten Schuhe und die von Kohlenstaub geschwärzten Hände. Was war nur los in der Nacht? Wo haben sie sich herumgetrieben? Beim späten Kater-Frühstück vergeht ihnen schlagartig der Appetit. In der Zeitung steht nämlich, dass in der Rue de Lourcine die Leiche einer jungen Kohlenträgerin gefunden wurde. Man nimmt an, dass es zwei Täter waren, die im Zustand der Trunkenheit gehandelt haben müssen, denn sie haben am Tatort einen Regenschirm und ein Taschentuch vergessen. Genau diese Utensilien vermissen Leglumé und Mistingue nach ihrer nächtlichen Sauftour. Haben sie etwa das Kohlenmädchen auf dem Gewissen? Die Polizei, heißt es, sei den Mördern schon auf der Spur.

Labiche hat sich in seinen zahlreichen Komödien fast ausschließlich dem Studium des Bourgeois, des Philisters gewidmet. In seinen 175 Stücken dreht es sich vor allem um Ausrutscher und Verfehlungen des nach außen hin braven Bürgers, in dessen Innerem sich Abgründe auftun. In der Kriminalkomödie »Die Affäre Rue de Lourcine«, die 1875 in Paris uraufgeführt wurde, führt er nicht nur die beiden Biedermänner Leglumé und Mistingue aufs Glatteis und schuf damit zwei Paraderollen für Erzkomödianten. Auch das Publikum wird gehörig an der Nase herumgeführt und kommt doch nicht umhin, sich zu fragen: Welche dunklen Triebe lauern im braven Bürger, wenn er im Rausch die Herrschaft über seine Vernunft verliert?


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