Harper Regan

Schauspiel von Simon Stephens

Wenn Harper Regan aus dem Fenster ihrer ­Firma schaut, dann sieht sie den Londoner Flughafen Heathrow. Sie selbst ist 41 Jahre alt, aber noch nie geflogen. Als Kind war sie mal campen in Italien. Ansonsten hat sie England nie verlassen. Sie arbeitet fleißig und gewissenhaft, jetzt liegt ihr Vater im Sterben und sie braucht dringend ein paar freie Tage, um ihn noch einmal zu sehen. Ihr Chef lehnt den Urlaubsantrag kategorisch ab. Falls es ihr einfalle, der Arbeit fernzubleiben, brauche sie nicht mehr wiederzukommen. Harper ist ratlos, denn sie ist auf den Job angewiesen, mit dem sie momentan allein die Familie ernährt. Bis vor zwei Jahren lebte sie mit Ehemann Seth und Tochter Sarah in Manchester, wo ihr Mann als erfolgreicher Architekt arbeitete. Von einem Tag zum anderen änderte sich alles wegen schwerwiegender Vorwürfe gegen Seth, die das gesellschaftliche Aus für die Familie bedeuteten. Sie waren gezwungen, aus ihrer Heimat wegzugehen und nach London zu ziehen, wo niemand sie kennt. Bis heute weiß Harper nicht, was an den Vorwürfen dran ist und versucht lieber nicht darüber nachzudenken. Noch zögert sie, das Verbot ihres Chefs zu übertreten. Aber ein herunterfallendes Stück Mauer, das sie fast erschlägt, erleichtert ihr die Entscheidung. Sie fährt, ohne jemandem Bescheid zu sagen, und gerät in einen Strudel bisher undenkbarer Ereignisse, die ihre Routine aus Verdrängen und Funktionieren durchbrechen.
Es sind nur zwei Tage, die sie aus ihrem Leben flieht. Als Harper von ihrer Reise nach Hause zurückkehrt, ist alles so wie früher, aber nichts mehr, wie es einmal war.

Mit »Harper Regan« (UA 2008) erzählt Simon Stephens die Geschichte einer Frau, die vor lauter Warten auf das Leben ihr Leben an sich vorbeiziehen lässt. Doch hinter der Fassade der auf den ersten Blick unscheinbaren Durchschnittsfrau verbirgt sich ein faszinierender Mensch mit großer Kraft und einer Sehnsucht, die sich endlich Bahn bricht.
Der 1971 in Stockport, der Partnerstadt von Heilbronn, geborene Autor zählt mit seinen feingezeichneten Porträts von Menschen, die zugleich ein Bild der Gesellschaft entwerfen, zu den renommiertesten Gegenwartsdramatikern Englands. Seine Stücke wie »Motortown«, »Port«, »Am Strand der weiten Welt« oder seine Dramatisierung von Marc Haddons Roman »Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone« sind preisgekrönt. In der Kritikerumfrage von »Theater heute« wurde er seit 2006 bereits fünfmal zum besten ausländischen Dramatiker des Jahres gewählt.

Pressestimmen:

Claudia Ihlefeld, Heilbronner Stimme, 8.10.2018

»Koschel führt in raschen Schnitten ein Stationentheater vor und seziert Stephens’ hyperrealistische Sprache – und damit das Innere einer Frau von 41 Jahren, die den Rollenbildern von der guten Gattin, Mutter, Tochter und Angestellten genügen möchte. … Applaus für ein beklemmendes Kammerspiel über gängige Lebenslügen.«


Arnim Bauer, Ludwigsburger Kreiszeitung, 8.10.2018

»Ein großartiger Abend voller Gefühle, ohne Kitsch und falsche Sentimentalität, aber mit viel Feingefühl und unverblümten Blicken in die Seele dieser Frau. Es ist eine Geschichte von Tausenden, von Menschen, die ihren Alltag unter Zwängen leben – auch, weil sie nicht wie Harper irgendwann so ehrlich sind und sich das eingestehen.«

Steffen Becker, Nachtkritik.de, 6.10.2018

» … Was auf dem Papier klingt wie die knallige Flucht einer »desperate working mom« ist in Wahrheit ein Kratzen am Panzer um die Seele der Hauptfigur. Die Inszenierung von Uta Koschel findet dafür ein im wahrsten Sinne des Wortes erdrückendes Bild. Ein Betonquader nimmt fast die ganze (Dreh-)Bühne ein (Ausstattung: Tom Musch). … Die Stärke von Simon Stephens' Stück liegt gerade darin, dass sich die Tragödie des Lebens in den banalen und nicht den dramatischen Momenten zeigt. Und in der Ambivalenz des Figurentableaus. … Koschel serviert diesen desillusionierten Blick auf menschliche Entwicklung und Beziehungen in einer unaufgeregten und gleichzeitig umso schmerzlicheren Anmutung.«

Regie

Ausstattung

Dramaturgie

Schauspieler

Dauer

2 Stunden, 25 Minuten

Pause

1 Pause

Nächste Termine / Karten


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