Next Paradise

Tanzabend von Frank Fannar Pedersen, Erion Kruja, Taulant Shehu und Stephan Thoss
Gastspiel Nationaltheater Mannheim Tanz

»Wartet unsere Gesellschaft auf diejenige, die ihr nachfolgen wird? Sie erwartet sie nicht. Sie erzeugt sie zwangsläufig selbst.« (Federico Fellini)
Aber wie wird sie aussehen, diese neue Welt? In »Next Paradise«, dem neuen Tanzstück des National­the­aters Mannheim Tanz, geht es um genau diese Frage. Tanz­intendant Stephan Thoss hat mit Frank Fannar Pedersen, Erion Kruja und Taulant Shehu drei ­weitere Choreo­grafen eingeladen, sich mit ihm gemeinsam dieser Frage zu stellen und dem Weg von Versuchung und Erkenntnis seit dem Mythos der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies zu folgen. Der Griff zum Apfel am Baum der Erkenntnis markierte den ersten Sündenfall und gleichzeitig den Moment, in dem sich der Mensch seiner selbst bewusst wurde. Immer blieb die Einheit von Begehren und Begreifen untrennbar. Stets aufs Neue beißen die Menschen, von Neugier getrieben, sinnbildlich in den berühmten Apfel und überschreiten die Grenzen des bis dahin Erkannten und Vorstellbaren. Heute, da wir die Entwicklungsmöglichkeiten der künstlichen Intelligenz kaum überblicken können und über Für und Wider von Robotik und Genmanipulation diskutieren, stellt sich die Frage: Eröffnet uns die Wissenschaft den Zugang in das nächste Paradies?

Das choreografische Forschungsteam hat sich auf Entdeckungsreise begeben und lässt vier individuelle Handschriften in einer organischen Kreation zusammenfließen. Entstanden ist ein sechsteiliger, vor ungewöhnlichen Ideen nur so sprühender Tanzabend, der wie aus einem Guss wirkt. Die Arbeiten tauchen ein in paradiesische Sphären und eröffnen assoziative Räume, in denen unterschiedliche Facetten menschlicher Entwicklung und Sehnsucht gespiegelt werden.

Der Abend beginnt mit »Wings« von Stephan Thoss, der den Mythos der Schöpfungsgeschichte mit f­ilm­ischen Bildern technischer Revolutionen unserer Zeit kontrastiert. Daran schließt sich nahtlos Thoss’ Choreografie »Skin« an, die, von ­einem musikalischen Perpetuum Mobile untermalt, vom ewigen Fortschreiten der Zeit kündet. Diese Cho­reo­grafie mündet in die expressive, futuristisch an­mutende Ensemble-Arbeit »Human« von ­Erion Kruja, langjähriger Tänzer der renommierten Hofesh Shechter Company und seit 2019 hauptberuflicher Choreograf, die uns Menschen auf einer neuen Entwicklungsstufe vorstellt. In »Silence« von Taulant Shehu aus Albanien stehen soziale Beziehungen im Mittelpunkt, bevor der isländische Choreograf Frank Fannar Pedersen uns an einem faszinierenden Experiment zur Schaffung eines perfekten Menschen teilhaben lässt. Der Abschluss des Abends gehört wieder Stephan Thoss und seinem grandiosen Hochenergie-Reigen »Us«, den er für sein ganzes Ensemble ­kreiert hat.