Double Bill: Sirens & AMAE

1. Teil von Ermira Goro (GR) | 2. Teil von Eliana Stragapede & Borna Babić (BE)

Die diesjährige Double Bill eröffnet die Tanzperformance »Sirens« der innovativen jungen Choreografin Ermira Goro. Hier wird man zu einer sinnlich-mysteriösen Reise in die Welt der Begierde und ihrer sozialen Ausdrucksform eingeladen. Die beiden Darstellenden Chara Kotsali und Angelos Kolosionis werden zu sinnlichen Kreaturen, teils Maschinen, teils Menschen, verwickelt in ein Spiel aus Annäherung und Ausflüchten. Präzise robotische gehen in instinktive Bewegungen über, die Anspannung von Berührung und Nicht-Berührung lässt die Grenzen von Fantasie und Realität, von Geschlechterrollen und deren Auflösung verschwimmen. Während sich der Rhythmus zum Klang von Jeph Vangers musikalischer Komposition beschleunigt und sich die Körperlichkeit intensiviert, schafft das Stück Raum für eine Vision, in der Erotik, Performativität und Verletzlichkeit nebeneinander existieren dürfen.
»Sirens« wurde 2025 vom europäischen Tanznetzwerk »Aerowaves« ausgewählt, das jährlich die vielversprechendsten neuen Werke aufstrebender Künstler und Künstlerinnen auszeichnet. Kurz darauf begann für »Sirens« eine internationale Tournee.

Den zweiten Teil der Double Bill bildet das Duett »AMAE« von Eliana Stragapede aus Italien und Borna Babić aus Kroatien. Diese faszinierende Performance hinterfragt und untersucht die Grenzen von Co-Abhängigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen, den schmalen Grad zwischen Fürsorge und Obsession, Liebe und Verletzung, Unterstützung und Kontrolle. Der Titel »AMAE« (甘え) – ein japanischer Begriff, geprägt durch den Psychoanalytiker Takeo Doi – bezieht sich auf ein bestimmtes menschliches Verhalten: jenes, das Menschen zeigen, wenn sie geliebt und umsorgt werden wollen, wenn sie sich bewusst oder unbewusst auf jemand anderen verlassen möchten, diesem vielleicht sogar mit Unterwürfigkeit begegnen. Amae kann durchaus als etwas Warmherziges, innig Menschliches wahrgenommen werden, als ein Wunsch nach Harmonie. Doch kann es auch Selbstgefälligkeit fördern, Abhängigkeit, Kontrollverhalten. Diese Dualität ist es, die Eliana Stragapede and Borna Babić inspiriert und interessiert. Geschaffen haben sie daraus ein Tanzstück, das genau diese Polarität ausdrückt, ein Ziehen, Liebkosen, sich Öffnen und Verweigern, ein hypnotisches Zusammenspiel von zwei Körpern, bei dem die Schwelle zwischen Umarmung und Ersticken verschwimmt.

 

Ermira Goro ist eine innovative Bewegungs-, Tanz- und Performancekünstlerin, deren Augenmerk auf interdisziplinärer Arbeit liegt. Sie ist Absolventin der Greek National School of Dance (KSOT) und setzte ihre Ausbildung danach in New York fort. Von 2007 bis 2018 arbeitete sie mit dem weltbekannten »DV8 Physical Theatre« zusammen. Im Jahr 2022 wurde sie für den »Bessies Award – New York Dance and Performance Awards« in der Kategorie »Outstanding Performer« nominiert. Ihre Arbeiten wurden vielfach gefördert und bei zahlreichen Festivals und Gastspielen in Griechenland und weltweit präsentiert, wo sie für ihren fantasievollen und unverwechselbaren Ansatz von der Kritik gefeiert wurde.

Eliana Stragapede, geboren 1996 in Italien, und Borna Babić, geboren 1994 in Kroatien, bilden ein kreatives Choreografie-Duo und sind als Tänzer und Dozierende tätig. Ihr gemeinsamer Lebensmittelpunkt befindet sich in Brüssel. Im Jahr 2025 gründeten sie die Tanzkompanie »Paper Bridge«, mit der sie ihre künstlerischen Visionen weiterentwickeln. Beide studierten an der renommierten Codarts Kunsthochschule in Rotterdam und arbeiteten nach ihrem Abschluss mit Marina Mascarell und der berühmten Gruppe »Club Guy & Roni«. Seit dieser Zeit kooperieren beide regelmäßig mit namhaften Choreografen und etablierten Tanzkompanien. Ihr furioses 30-minütiges Tanzstück »AMAE« gewann u. a. 2022 den ersten Preis beim renommierten Internationalen Choreografie-
Wettbewerb in Kopenhagen, die Choreografie- und Produktionspreise des Nederlands Dans Theater sowie der Holstebro Dansekompagni und wurde 2023 beim Internationalen Choreografie-Wettbewerb in Rotterdam mit den Partnerpreisen von Codarts und Dansateliers gewürdigt.

Jordi Bordes, Recomana, 6.7.2024 zu »Sirens«
Gebadet in rotem Licht verweben die Tänzer Chara Kotsali und Adonis Vais sich ineinander wie die DNA-Stränge, gefangen in einer Endlosschleife. Der Soundtrack von Jeph Vanger kreiert eine intensive, faszinierende Atmosphäre, und es ist beinahe unmöglich die Augen von dieser Synergie abzuwenden. […] Am Ende, während Teile der Kostüme fallen und Geschlechter sich auflösen, dürfen sie beide ihren eigenen Sirenengesang singen. Gemeinsam bieten sie etwas Befreiendes, Erotisches und unmöglich zu Ignorierendes dar.

Revista Godot / Álvaro Vicente zu »AMAE«
Bahnbrechend, intensiv, hypnotisch, meisterhaft und sinnlich sind nur einige der Adjektive, die die Show überall, wo sie gezeigt wurde, geerntet hat.