Gott

Schauspiel von Ferdinand von Schirach

Richard Gärtner, 78 Jahre alt, hat nach dem Tod seiner Frau jeglichen Lebensmut verloren. Er möchte sterben und hat beim Bundesinstitut für Arzneimittel eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital beantragt, ein Mittel, das in anderen Ländern von Sterbehilfeorganisationen eingesetzt wird. Gärtner ist weder unheilbar krank, noch leidet er an körperlichen Schmerzen. Das Bundesinstitut lehnt die Herausgabe des Medikaments ab. Daraufhin bittet Richard Gärtner seine Hausärztin um Beihilfe zum Suizid. Diese möchte ihm nicht helfen. Nun wird die Angelegenheit in einer öffentlichen Sitzung des Ethikrates verhandelt, denn sie weist weit über die persönliche Geschichte von Richard Gärtner hinaus. Ein Mensch möchte nicht mehr weiterleben und bittet um ärztliche Hilfe. Das 2020 erlassene Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichtes garantiert das Recht des Menschen auf eine freie Entscheidung über sein Leben oder Sterben. Die rechtliche Frage, ob ein Arzt bei einem Suizid helfen darf, ist geklärt. Aber das ethische Problem bleibt: Soll ein Arzt einem Menschen dabei helfen, sein Leben zu beenden?

Der Ethikrat hat verschiedene Sachverständige zu diesem Disput geladen: die Verfassungsrichterin Littner, den Arzt und Vertreter der Bundesärztekammer Professor Sperling und Bischof Thiel. Diese werden vom langjährigen Mitglied des Ethikrates, der erklärten Sterbehilfegegnerin Keller, und von Gärtners Rechtsanwalt Biegler befragt, der für das Recht seines Mandanten auf selbstbestimmtes Sterben eintritt.

Welche Rolle spielt die historische Last, die Deutschland zu tragen hat? Wie würde sich die Gesellschaft verändern, wenn Menschen, die in schweren Lebensphasen den Todeswunsch haben, ganz einfach aus dem Leben scheiden könnten? Dürfte man einem 30-Jährigen diese Bitte abschlagen? Würde sich der Druck auf Alte und Kranke erhöhen, ihren Angehörigen nicht mehr zur Last fallen zu wollen? Wie schon in seinem ersten Stück »Terror« stellt Ferdinand von Schirach auch in »Gott« ein existentielles Thema zur Debatte. Er lässt es auf der Bühne in seiner Widersprüchlichkeit und Vielfältigkeit diskutieren und Für und Wider mit allen Konsequenzen weiterdenken. Er spiegelt damit einen aktuellen gesellschaftlichen Diskurs, der jeden einzelnen von uns betrifft: Wem gehört unser Leben? Wer entscheidet über unseren Tod? Am Ende sind die Zuschauer als Anwesende in der Debatte des Ethikrates aufgefordert, selbst nach ihren ganz persönlichen Werten zu entscheiden: Soll Richard Gärtner das tödliche Medikament bekommen? Oder nicht?